Apfelbäumchen

Das Haus, in dem wir seit ein paar Jahren wohnen, hat, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, einen großen Garten.
Zum ersten Mal besichtigt haben wir das Haus im August, als im Garten alles grün war – etwas eintönig in der Gestaltung – aber grün. Man merkte der betagten Eigentümerin an, dass sie diesen Garten sehr liebte, die Pflege sie aber zunehmend überforderte.
Unter anderem stand auf einer der Rasenflächen ein Apfelbaum – gepflanzt kurz nachdem das Haus gebaut worden war, denn die Grundstücke für die kleinen Siedlungshäuser für Menschen, die nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Osten geflohen oder vertrieben worden waren, wurden damals verlost und mit zwei Auflagen versehen:
1. Die obere Etage musste vermietet werden (obwohl die Eigentümerfamilie selbst viele Kinder hatte).
2. Die Familien sollten sich selbst versorgen. Deshalb die großen Grundstücke und ein kleines Nebengebäude für Hühner- und Schweinehaltung.
Der Apfelbaum war damals – vor fast 60 Jahren – also zu dem Zweck gepflanzt worden, den Speiseplan der Familie zu bereichern.
Als wir den Baum das erste Mal sahen, trug er fast keine Früchte – nur an einem tischtuchgroßen Fleck Richtung Osten hingen vielleicht 20 rotbackige Äpfel.
Rote Boskoops seien das, informierte uns die Eigentümerin, die seien aber nicht so lecker, und eigentlich könne der Baum auch weg, der bringe nichts mehr.
Na gut, einigten der Beste und ich uns, ein Jahr geben wir ihm noch, wenn er dann nicht besser trägt, kommt er weg.
Und was soll ich sagen, im darauffolgenden Jahr war der Baum im Frühjahr ein Blütenmeer und im Herbst trug er Hunderte schönster, herrlich aromatischer roter Boskoops.
Die Falläpfel haben wir aufgesammelt und daraus das leckerste Apfelmus gekocht, mit Zimt, drei Mal pro Woche gab es Apfelkuchen, und außerdem lagerten wir die Äpfel, die wir im Herbst pflückten, sodass wir bis in den März hinein Äpfel aus dem eigenen Garten hatten – für Kuchen, Bratäpfel und Apfelkompott. Ich habe noch keine leckereren Äpfel gegessen als die roten Boskoops aus unserem Garten.
Letztes Jahr war es eher wieder mau mit Äpfeln – wieder nur an einem Fleck Blüten – und dann der Frost während der Apfelblüte. Das war´s dann. Vielleicht drei gute reife Äpfel im Herbst.
Und dieses Jahr:

Apfelbäume sind nicht elegant, sondern eher knorrig und standfest. Ich liebe die rosaweißen Blüten, die gleichzeitig zart und widerstandsfähig sind. Apfelblüten duften und verkünden Frühling.
Und die Früchte sind in Aussehen und Geschmack so unterschiedlich, wie man es sich nur vorstellen kann.
Äpfel haben für mich etwas, das mir Heimat und Geborgenheit und Bodenständigkeit zu tun hat, und offenbar bin ich nicht die Einzige, bei denen der Anblick von Äpfeln etwas auslöst, denn sonst würden Verlage nicht Apfelkalender herausgeben oder immer wieder Apfelmotive für Buchumschläge wählen.

Der Apfelbaum in unserem Garten darf jedenfalls bleiben, und wir haben vor, auch noch einen vors Haus zu pflanzen, denn schon Luther soll ja gesagt haben: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

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