„Buch macht kluch“

Das war vor langer Zeit einmal ein Webeslogan, der vom Börsenverein des deutschen Buchhandels eingesetzt wurde.
Daran musste ich denken, als eine meiner Töchter in der vergangenen Woche folgendes Foto in unserer WhatsApp Familiengruppe postete mit dem Kommentar:

„Ein kleiner Junge, der vor unserer Wohnung auf die Bahn wartet und statt aufs Handy zu gucken, ein Buch liest.“

Daneben drei Smileys mit Herzchenaugen.
Kommentar eines meiner Söhne:
„Crazy – Sofort einfangen und in den Zoo zu den bedrohten Arten!“
Stimmt, die meisten Menschen – große wie kleine – schauen eher auf Bildschirme, wenn sie auf öffentliche Verkehrsmittel warten, darin unterwegs sind oder sich an anderen öffentlichen Orten aufhalten.

In den Tagen nach den WhatsApp Postings sind mir dann immer wieder Menschen aufgefallen, die in der Öffentlichkeit lasen, und das hat mich etwas beruhigt.
Ich liebe nämlich Bücher.
Mit dem lesen Lernen tat sich für mich damals eine ganze neue Welt auf, und ich las alles, was ich in die Finger bekommen konnte.
„Der große bunte Ball“ – den Namen der Autorin habe ich vergessen – eine tragische Geschichte einer armen Witwe, die ihrer Tochter einen bunten Ball zu Weihnachten schenkt, bevor sie stirbt, und wie dieser Ball dem kleinen Mädchen Trost und Halt gibt. Ein dünnes Büchlein, noch in Sütterlinschrift, das meine Mutter als Kind von ihrer Großmutter bekommen hatte.
Was habe ich geweint beim Lesen!
Die Kinderbibel von Anne de Vries von vorne bis hinten und immer nochmal. Seltsame und spannende und exotische Geschichten.
„Hanni und Nanni“ und „Fünf Freunde“, die ständig irgendwelche Picknicks veranstalteten, und wenn ich spät noch unter der Bettdecke las, bekam ich jedes Mal Hunger. „Försters Pucki“ und „Der Trotzkopf“ und „Die Kinder von Bullerbü – alle Bände und „Pippi Langstrumpf“ – alle Bände, und so gut wie alles von Astrid Lindgren und dann zarte Liebesgeschichten von Berte Bratt.
Ich konnte nie genug bekommen, und wenn ich ein Buch geschenkt bekam zu Weihnachten oder zum Geburtstag, rationierte ich es mir, damit ich möglichst lange etwas davon hatte.
Auf dem Gymnasium dann alle Lektüren in Deutsch und Englisch und Klassiker und alles, was die Stadtbibliothek Husum hergab.
Im Studium gings weiter mit viel feministischer Literatur und amerikanischer Literatur …
Bücherlesen gehörte zu meinem Leben wie Essen und Schlafen, und es kam nur ganz selten vor, dass ich ein Buch nicht zu Ende las (Ulysses von James Joyce habe ich leider nicht geschafft – bis heute nicht).
Buchhandlungen sind für mich Goldguben und immer wieder eine Versuchung.
Und dann wurde ich Verlagslektorin – las praktisch von Berufs wegen den ganzen Tag – was konnte es Besseres geben?
In dem Gebäude des Verlages befand sich das Lager einer Versandbuchhandlung, und der Geruch der dort gelagerten Bücher war für mich ein wunderschöner Duft.
Etwa zu der Zeit begann ich auch, Bücher zu übersetzen. Computer gab es damals noch nicht – bzw. waren sie noch einfach zu teuer, um sie als Privatperson zu kaufen (ja, so alt bin ich schon). Deshalb schrieb ich die Rohübersetzung noch mit der Hand auf Papier und die Endfassung mit einer Kugelkopfschreibmaschine (googeln).
Ich weiß nicht, wie viele Bücher ich in meinem Leben gelesen habe – übersetzt habe ich mindestens 150 (aber ich habe sie nicht gezählt) und selbst geschrieben auch ein paar – und ich glaube, dass ich aus meisten Büchern etwas Neues erfahren und etwas gelernt habe. Manchmal mit Verzögerung, manchmal widerwillig, aber alles, was ich gelesen habe, hat meinen Horizont erweitert, mir geholfen eine Meinung zu bilden und Standpunkte zu vertreten.
Ich habe in Büchern Trost gefunden, durch Bücher Hoffnung geschöpft, Bücher haben mir geholfen Probleme zu lösen, aus Sackgassen herauszukommen, Situationen zu durchschauen und besser einordnen zu können. Bücher haben mich zum Lachen gebracht, mein Herz berührt, mir einen Spiegel vorgehalten und mich an manchen Stellen vielleicht sogar zu einem besseren Menschen gemacht. Durch Bücher habe ich etwas über fremde Länder und Kulturen und über das Leben bekannter und unbekannter Persönlichkeiten erfahren.
Ich liebe Bücher, und ich kann mir ein Leben ohne Bücher nur ganz schwer vorstellen.
Ich freue ich mich jedes Mal, wenn ich jemanden lesen sehe, ganz besonders kleine Menschen.

Und deshalb appelliere ich an alle Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten und Freunde:
Bringen Sie die Kinder in Ihrem Umfeld mit Büchern in Kontakt. Schauen Sie mit ihnen gemeinsam Bilderbücher an, lesen Sie ihnen vor, animieren Sie sie zum Lesen, indem Sie Bücher verschenken, mit Ihnen in Bibliotheken gehen und mit ihnen über Bücher reden.
Sie ermöglichen ihnen dadurch den Zugang zu einer ganzen Welt – und wenn das kein Geschenk ist … 

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