Die therapeutische Wirkung von Tulpen


Direkt nach Weihnachten ist es noch zu früh, aber wenn man den Winter gar nicht mehr aushalten kann – das ist bei mir meistens im Februar der Fall – dann helfen Tulpen. Nicht zuletzt aus diesem Grund mag ich mir ein Leben ohne Tulpen gar nicht vorstellen.
Tulpen machen mich glücklich in ihrer Farben- und Formenvielfalt und geben mir Mut und Durchhaltevermögen für die letzten paar fiesen Winterwochen.
Ein Tulpenstrauß auf unserem Esstisch weckt meine Lebensgeister ziemlich zuverlässig, wenn´s mal nicht so läuft, und ich muss einfach immer wieder hinsehen, weil ich finde, dass sich keine andere Blume in der Vase so extrem – und dabei so schön – verändert.
Sie kommen klein und verhutzelt als graugrüne Knospen ins Haus, sodass ich meine Zweifel habe, ob daraus überhaupt so etwas wie eine Blume werden kann – und dann zeigen Sie es mir aber. Sie entfalten sich immer weiter, breiten ihre Blütenblätter aus, bis sie sich nach außen krempeln und wachsen und wachsen, und verbiegen die Stängel, bis die Blüten praktisch die Tischplatte berühren.

Wenn ich dann irgendwann denke: „Jetzt müssen sie aber wirklich weg“, sehen sie wieder anders aus und haben einen neuen Reiz, sodass ich es doch noch nicht übers Herz bringe, sie dem Komposthaufen zu übereignen.
Oft finde ich Tulpen sogar dann noch schön, wenn ein Teil der Blütenblätter schon dekorativ auf dem Tisch verstreut liegen.
Auf diese Weise sind Tulpen für mich auch ein Sinnbild für Schönheit im Alter und Entwicklung bis zum Schluss.
Tulpen im Garten muss man schon im Herbst zuvor pflanzen, um im Frühjahr die Blütenpracht genießen zu können. Sie widersetzen sich also zusätzlich zu all dem anderen Schönen auch noch dem Trend der sofortigen Verfügbarkeit. Als Ungeduldige kann ich deshalb hervorragend Belohnungsaufschub an ihnen üben.
Tulpen sehen schöner aus, je mehr davon zusammen stehen, egal, ob in der Vase oder auf dem Feld. Je mehr und je unterschiedlicher, desto schöner. Ich sehe darin ein Sinnbild für die Vielfalt von Menschen und werde daran erinnert, wie wunderbar bereichernd diese Vielfalt ist, und dass ich mehr auf das Positive dieser Vielfalt schauen sollte, als auf die Probleme, die sie zweifellos mit sich bringt.
Und weil Tulpen zusätzlich zu allem anderen auch noch die Eigenschaft haben, immer weiter zu wachsen – auch in der Vase – sind sie meistens länger als alle anderen, wenn sie zusammen mit anderen Blumen in Sträußen stecken. Diese „Unangepasstheit“ ist vielen Blumenfreunden lästig, und zugegeben, manchmal sieht es schon „besonders“ aus, wie die Tulpen im Strauß alle anderen Blumen überragen. Aber ich mag das, weil ich Unangepasstheit mag.
Ich kann auf jeden Fall verstehen, dass im 17. Jahrhundert in Holland Tulpenzwiebeln für Unsummen gehandelt wurde, aber ich bin froh, dass es heute nicht mehr so ist, sodass zurzeit immer ein Tulpenstrauß auf meinem Tisch stehen kann und im Garten unter der Erde die Tulpenzwiebeln gerade den Frost bekommen, den sie brauchen, um im Frühjahr zu blühen.

Ich freu mich darauf.

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