Diese Tage …

11.1.2018

Es gibt diese Tage, da stehe ich auf, und mein Leben erscheint mir wie ein undurchdringliches Labyrinth. Nichts ist klar – auf keinem Gebiet.
Beruflich, familiär, seelisch – zu viele Baustellen, zu viele Fragen, zu viele Optionen, zu viele Eindrücke, zu viele Selbstvorwürfe, zu viel „nicht gut genug“, das mir meine innere Stimme zuflüstert.
Das sind die Tage, da habe ich keine Lust aufzustehen – geschweige denn zu duschen – und nicht einmal der Milchschaum auf meinem Morgenkaffee kann mich aufmuntern oder trösten wie sonst.
Und wenn dann noch der Blumenstrauß auf dem Esstisch erste Verfallserscheinungen aufweist … gar nicht gut.
Klar, das ist vielleicht jammern auf hohem Niveau, für mich aber dadurch in diesem Moment nicht weniger real und bedrückend.
Ich setze mich an den Schreibtisch und fange den dritten Korrekturdurchlauf einer Romanübersetzung an.
Ganz ehrlich – auch der schönste Roman verliert dann seinen Reiz.
Aber der Abgabetermin rückt bedrohlich näher. „Wat mutt, dat mutt“, sagt man bei uns im Norden.
Plackerei ist das – auch wenn sie freiberuflich erfolgt.
Ja, ich kann zu Hause sitzen und arbeiten, habe keinen Stress mit Kollegen, kann zwischendurch telefonieren, im weltweiten Web surfen, Wäsche aufhängen und so oft und so lange wie ich möchte Pause machen … herrlich.
Aber ich bin eben auch immer am Arbeitsplatz …
Zwei Stunden später habe ich – wenn auch widerwillig – einiges geschafft und dann …merke ich plötzlich, wie es im Arbeitszimmer heller wird. Ich schaue aus dem Fenster und in dem Moment bricht die Sonne durch den Nebel.
Ich renne nach unten, ziehe Jacke und Stiefel an und mache mich auf meinen Weg durchs Feld, wähle die Richtung so, dass mir die Sonne ins Gesicht scheint.
Sie wärmt schon ein ganz klein wenig. Ich schließe im Gehen die Augen und schaue ins Licht, und hinter meinen Lidern explodieren Rot- und Orangetöne.
Auf der Stelle stellt sich eine tiefe Dankbarkeit ein. Wie schön das ist! Die Fragen und Probleme sind nicht weg, aber sie sind nicht mehr so vordringlich, während ich diesen Moment genieße.
Das Feld um mich her liegt braun und grau und nass da, die Bäume sind kahl, das Gras am Wegrand ist platt und bräunlich – nur ganz zart höre ich Vogelgezwitscher wie eine Anspielung auf Frühling.
An den Problemen und Fragestellungen meines Lebens hat sich nichts geändert. Die Komplexität ist mir immer noch zu viel, die Korrektur des Übersetzungsmanuskriptes muss immer noch zu dem viel zu nahen Termin fertig sein, aber ich bin glücklich und zufrieden und dankbar.
Dazu habe ich nichts beigetragen, außer nach draußen zu gehen und diesen Moment zu nutzen. Alles andere ist Geschenk.

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