Dranbleiben

Gestern wollte ich einen Blogeintrag schreiben über plötzliches Glücklichsein. Das war ich nämlich. Plötzlich grundlos zum Singen und Lächeln und inneren Purzelbäumen glücklich. Keine Ahnung, wieso.
Das einfach so glücklich Sein ist mir nicht in die Wiege gelegt, und ich gehöre, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, nicht zu den unbeschwert optimistischen Zeitgenossinnen, obwohl ich objektiv betrachtet auf jeden Fall Grund hätte, immer glücklich zu sein.
Meine Kindheit war zwar nicht besonders glücklich, aber ich habe eine gute Ausbildung genossen, konnte sogar im Ausland studieren, habe nach dem Studium in meinem Traumberuf als Verlagslektorin eine Chance bekommen, habe den Besten kennengelernt, 5 prachtvolle Kinder, die inzwischen alle ebenso prachtvolle Partner haben, ich habe im christlichen Glauben eine Grundlage, die mich durch die Krisen getragen hat, mein Beruf als Übersetzerin und Referentin macht mir viel Spaß, und ich bin durch die Freiberuflichkeit zeitlich flexibel. Ich arbeite ehrenamtlich in zwei Projekten mit, die mir Freude machen, bin dabei mit vielen engagierten, netten Menschen zusammen, bekomme immer wieder neue Denkanstöße und Impulse, aktiv zu werden, ich lebe in einem Haus mit großem Garten in einem Ort in der Nähe einer Großstadt, ich bin finanziell abgesichert, gesund und leide keinen Mangel.
Trotzdem überwiegen an vielen Tage Ängste und eine eher bedrückte Grundstimmung.
Zugegeben, die letzten Jahre waren nicht so leicht, und es gab viel zu „verpacken“, aber das mit dem nicht so sprudelnden Glücklichsein war auch vorher schon so – vielleicht sogar noch stärker.
Und dann stellte sich gestern nun dieses urplötzliche Glücklichsein ein. Das war so schön, so als stünde plötzlich eine unbekannte Person mit einem Riesenblumenstrauß (ich erwähnte ja bereits, wie wichtig Blumen für mich sind und wie glücklich sie mich machen) vor der Tür.
Und ich konnte es sogar genießen – nicht wie sonst, ungläubiges Staunen, Misstrauen und das Warten darauf, dass es gleich wieder verschwunden sein würde, sondern volles Genießen.
Weil es etwas so Besonderes, Schönes war, beschloss ich, darüber einen Blogeintrag zu schreiben und setzte mich nach einer ganzen Weile des Genießens an den Laptop.
In dem Moment, als ich anfing zu schreiben, kam eine Mail, die mich irritierte und verunsicherte – und zack – weg war das Glücklichsein, über das ich schreiben wollte. Ein paar Sekunden, und der Zauber war verflogen, obwohl sich eigentlich an meinem Leben gar nichts geändert hatte.
Ich konnte keinen Blogbeitrag mehr schreiben, fing an zu grübeln – draußen fing es passenderweise an zu schütten wie aus Kübeln – und es war wieder ein ganz normaler Freitag.
Jetzt ohne Glücklichsein und ohne Blogbeitrag.
Als ich heute Morgen aufwachte, regnete es immer noch, und es war noch kälter als gestern. Ich dachte noch einmal an dieses Glücklichsein gestern, und gleich war das Gefühl wieder da. Dieses grundlose innere Aufatmen, das Lächeln, diese Heiterkeit und Unbeschwertheit.
Ich möchte solche Momente in meinem Inneren bewahren, damit ich auf sie zurückgreifen kann, wenn es wieder mal richtig schwer ist.
Wenn diese Momente da sind, möchte ich sie betrachten, in ihnen schwelgen, sie genießen, sie weder hinterfragen noch anzweifeln, sondern einfach in ihnen sein. Und deshalb schreibe ich diesen Blogeintrag jetzt doch noch.

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