Familie ist nicht Bullerbü (die Zweite) …

 

[ 

 Foto: Sindre Strom                                                                              Foto: Ralph W. Lambrecht 

… sondern auch „Wo die wilden Kerle wohnen“.
In letzter Zeit ist mir sehr bewusst geworden, aus wie vielen Einzelbeziehungen unsere Familie besteht – mit Partnern der Kinder sind wir 12 Personen, und jede dieser Personen hat mit jeder anderen zu tun.
Ich oute mich hier mal als alte Glucke, die gern möchte, dass alle miteinander auskommen und sich gegenseitig stehen lassen können in all ihrer Unterschiedlichkeit (Minimalziel: ab und zu mal Hacken ja, aber nicht die Augen aus). Ich wünsche mir Bullerbü – ja, immer noch – aber mittlerweile weiß ich und akzeptiere (meistens), dass dort auch die wilden Kerle wohnen.
Wenn ich beobachte, wie unterschiedlich schon unsere Zwillinge mit ihrem identischen Erbgut ticken, dann beschleicht mich manchmal leichte Panik hinsichtlich meines Bullerbü-Wunsches, und letztlich ist mir natürlich klar, dass es Bullerbü nicht gibt.
Aspekte wie Geschwisterreihenfolge, Unterschiede im Temperament, unterschiedliche Interessen, Weltbilder, Berufe, Prägung der Partner …. und tausend weitere Unterschiedlichkeiten versetzen mich immer wieder in ein fast ehrfürchtiges Staunen über diese Vielfalt, aber auch in eine Bangigkeit, so als würde ich auf einer Hängebrücke eine Schlucht überqueren.
Was für ein Geschenk, denke ich im einen Moment – und was für eine Herausforderung im nächsten.
Ich habe ja schon an anderer Stelle beschrieben, wie dankbar ich für all die Impulse bin, die ich durch meine Kinder und deren Partner(innen) bekomme, wie viel ich lerne, wie sie mich ermutigen, bestätigen, aber auch korrigieren und hinterfragen.
Hin und wieder beschleicht mich die Sorge, dass sie vielleicht das Gefühl haben könnten, sie müssen sich um den Besten und mich kümmern, damit wir nicht zu „seniorig“ werden, und dann wird mir eindringlich bewusst, dass die Aufgabe des Besten und mir darin besteht, ein erfülltes Leben zu führen, und zwar unabhängig von den Kindern. Dass wir unsere Beziehung pflegen, unsere Liebe hüten, gemeinsame Visionen entwickeln, Projekte verwirklichen, nicht nur als Paar, sondern auch als Einzelpersonen existieren und dadurch auch offen bleiben für die Vielfalt und die Komplexität des Lebens und unserer Lieben – und das ist in unserem Alltag oft eine echte Herausforderung – denn auch der Beste und ich sind sehr, sehr unterschiedlich.
Ich möchte nicht, dass unsere Kinder und ihre Partner sich verpflichtet fühlen und meinen, sie müssten sich regelmäßig bei uns sehen lassen oder ständig mit uns in Kontakt sein (da gibt es ja heutzutage unendlich viele Kanäle), aber ich möchte auch, dass sie wissen, wie kostbar mir solche Kontakte sind und dass sie alle – wirklich alle – ihren festen Platz in meinem Herzen haben, den sie auch nicht verlieren können.
Ich weiß nicht, ob das geht, aber ich wünsche mir, dass wir alle zusammen ein bisschen Büllerbü in uns haben, aber nicht zu leugnen brauchen, dass es auch die wilden Kerle gibt.
Ich wünsche mir, dass jede/r seine Meinung sagen kann und Standpunkte vertreten, mit denen andere nicht übereinstimmen. Ich wünsche mir, dass jede/r sich auch mal eine Weile zurückziehen kann, ohne dass es Abzüge in der Familien B-Note gibt. Ich wünsche mir, dass niemand das Gefühl hat, sich für sein So-Sein rechtfertigen zu müssen. Und ich wünsche mir, dass wir füreinander einstehen, wenn´s mal schwer wird. Wie gesagt, das wünsche ich mir, und es sind Wünsche einer Glucke.
Ob alle anderen das auch so sehen, weiß ich nicht, aber ich habe Grund zur Hoffnung.
Wenn wir uns liebevoll im Blick behalten, wenn wir es wagen können, uns den anderen auch mal zuzumuten mit all unseren Unmöglichkeiten und vor allem, wenn wir nicht aufhören, miteinander zu reden, dann kann es gelingen – eine ganz normal verkorkst-intakte Familie zu sein, und das ist einer meiner Glucken-Herzenswünsche.

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen