Familie ist nicht Bullerbü

Meine Mutter ist 85 Jahre alt geworden. Ein Grund zum Feiern.
Da meine Mutter für ihr Alter noch ziemlich fit ist – besonders im Kopf – hat sie ein großes Fest gegeben für Verwandte und Freunde.
Alle ihre sechs Kinder waren da – also meine fünf Geschwister –  deren Partner und Partnerinnen, ein Großteil ihrer 19 Enkelkinder mit Partnern und Partnerinnen, zwei Urenkel und viele Freunde im Alter zwischen 14 und 88.
Der Beste und ich hatten unsere Kinder gefragt, ob wir das Ganze zu einem Familienwochenende ausdehnen wollten, denn meine Mutter wohnt praktischerweise in einem hübschen kleinen Städtchen an der Ostsee, und unsere Kinder fanden den Vorschlag gut, sodass wir alle zusammen ein großes Haus in der Altstadt des besagten Städtchens mieteten.


Sehr viel Familie also über eine relativ lange Zeit sehr dicht aufeinander.
Ich bin eigentlich keine Freundin von dicht aufeinander – aber ich muss sagen, dass ich angenehm überrascht bis begeistert war.
Zunächst von den Meinen: Angefangen bei der Tatsache, dass eines unserer Kinder den Mut hatte, aus Gründen abzusagen. Ich empfinde eine klare Absage als angenehmer – weil eindeutig – als eine Zusage und dann ein unangenehmes, verwaschenes, seltsam verschwurbeltes oder verkrampftes Miteinander. Und eine Einladung ist ja etwas, zu dem man auch nein sagen darf. Das Risiko, etwas zu verpassen, übernimmt man dabei ja schließlich selbst.
Bis hin zur Verteilung der Aufgaben, den gemeinsamen morgentlichen Kaffeezeiten, Strandspielen, Stadtspaziergängen, Cafébesuchen und einem – jedenfalls meinem Empfinden nach – gemütlich lockeren Miteinander mit viel Lachen, ernsthaften Gesprächen und gemeinsamem Kochen und Essen.
Und dann auch die Geburtstagsfeier.  Meine Ursprungsfamilie hat es nicht immer leicht miteinander gehabt – ich glaube sagen zu können, niemand mit niemandem. Zum Teil hatten wir uns schon sehr lange nicht mehr gesehen und noch länger nicht miteinander gesprochen, aber ich habe an diesem Tag das gemeinsame Ziel aller gespürt, unserer Mutter /Großmutter/ Urgroßmutter einen schönen Tag zu bereiten, Vorbehalte, Kritik, Enttäuschungen, völlig unterschiedliche Lebensstile und Überzeugungen einmal in den Hintergrund treten, dafür die Jubilarin hochleben zu lassen zu lassen und uns alle gegenseitig so stehen zu lassen wie wir sind.
Und es ist uns gelungen, finde ich.
Wie außer gelungen sollte man eine Feier zum 85. Geburtstag bezeichnen, die mit einer Runde Vier-Phasen-Tabu endet, an der die Jubilarin, Kinder, Enkel und Urenkel teilnehmen, dicht gedrängt im Wohnzimmer des Geburtstagskindes, und selbiges phasenweise so lachen muss, dass es eine wahre Wonne ist.
Ich hatte ehrlich gesagt schon ein bisschen Bammel vor dem Tag, denn für mich ist Familie nicht Bullerbü, sondern bisweilen auch schmerzvoll und anstrengend, aber ich fand es richtig schön, habe viel gelacht, mich über all diese unterschiedlichen Menschen gefreut.
Mein Lebensmotto ist, weiß Gott nicht, „Friede Freude Eierkuchen“ – ich setze mich gern auseinander -, aber ich habe gemerkt, dass wenn ich in der Andersartigkeit der anderen nicht in erster Linie eine Bedrohung, sondern einen großen Reichtum sehe, an dem ich teilhaben darf, dann wird alles entspannter, weil ich mich nicht so verantwortlich für das Handeln und Denken der anderen – auch meiner eigenen Kinder – fühle.
Und einmal mehr habe ich hautnah erlebt, was für ein Glück meine erwachsenen Kinder und ihre Partner für mich sind, was für ein Reichtum in meinem Leben!


Aber das Allerbeste ist immer noch der Beste.

 

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