Frauenfrühstück

Die Fahrt am frühen Morgen bei eisiger Kälte in den Sonnenaufgang hinein ist schon etwas Besonderes. Die pastelligen Farben des Himmels, die sich minütlich verändern, berühren mein Herz, und dieses Gefühl gesellt sich zu der schon vorhandenen Mischung aus Vorfreude und Bangigkeit.
Ob ich es noch kann?
Ob sie zuhören und mitgehen werden?

Es ist dreieinhalb Jahre her, dass ich zum letzten Mal Referentin bei einer Veranstaltung für Frauen war.
Ich hatte Krebs und habe mir damals sofort, nachdem ich die Diagnose bekommen hatte, die Frage gestellt:
Was würdest du sofort ändern, wenn du wüsstest, dass du sterben musst?
Die Antwort war ebenso schnell wie klar da: Ich würde keine Vorträge mehr halten.

Erst konnte ich nicht so recht glauben, dass das wirklich meine Antwort war, aber als ich etwas nachdachte, leuchtete sie schon ein.
Eigentlich war mir schon seit ein paar Jahren klar, dass ich nach fast 25 Jahren als Referentin eine Pause brauchte, ein bisschen Ruhe, nachdem die Kinder groß waren und ihre eigenen Wege gingen, neue Impulse.
Dass ich erst krank werden musste, um zu handeln, hätte ich nicht gedacht; denn eigentlich hatte ich mich immer für eine gehalten, die um die Zusammenhänge zwischen Überforderung in irgendeiner Form und Krankheit wusste.
Ich habe damals jedenfalls noch am selben Tag alle noch anstehenden Veranstaltungstermine abgesagt, und auch nach Ende der Krebstherapien war ich eigentlich sicher, dass ich nicht mehr als Referentin tätig sein würde.

Dreieinhalb Jahre später bin ich wieder gesund, und ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr nur übersetzen möchte – dass kann schon eine einsame Angelegenheit sein – sondern auch gern wieder mehr mit Menschen zu tun haben würde. Heute nun bin ich zum ersten Mal wieder unterwegs zu einem Frauenfrühstück.
Der Beste fährt mich – dafür bin ich ihm sehr dankbar. (Er mir allerdings auch, denn so kommt er in den Genuss eines Frühstücks in einem Lokal seiner Wahl in einem Ort, den er noch nicht kennt, in dem ihn aber auch niemand kennt, und das gefällt ihm).
So zu zweit im Wagen, kann man gut über das eine oder andere reden, ohne sich dabei anzusehen. Manchmal ist das hilfreich.

Am Veranstaltungsort angekommen, einem modernen, schön gestalteten Gemeindehaus, ist das schöne Gefühl sofort wieder da.
Es duftet nach Kaffee und frischen Brötchen. Die Tische sind liebevoll gedeckt und dekoriert mit Frühlingsblumen und hübschen Servietten. Das Küchenteam und die Koordinatorin sind – genau wie ich – ein bisschen aufgeregt, aber es herrscht eine schöne erwartungsvolle Atmosphäre.
Der Raum füllt sich, erst singt ein Chor, dann alle zusammen einen Kanon, es wird lecker gefrühstückt, und am Lärmpegel ist zuerkennen, dass sich die Frauen angeregt unterhalten.
Dann ein paar einführende Worte der Pastorin, die perfekt zu dem passen, was ich gleich referieren werde, und dann geht es für mich los.
Ich halte meinen Vortrag „Ach mach doch, was ich will – von Ohnmacht, Kontrolle und dem Glück, immer eine Wahl zu haben.“
Es macht mir Spaß, ich bin ganz dabei, möchte gern, dass meine Botschaft ankommt. Ich wünsche mir so sehr, dass möglichst viele Frauen, die sich nur noch als Opfer der Umstände sehen, merken, dass sie tatsächlich eine Wahl haben, und wenn die vielleicht nur darin besteht, ihre Situation anders anzuschauen und zu bewerten.
Als mein Vortrag nach etwa 50 Minuten zu Ende ist, freue ich mich, dass ich es noch kann, es mir wieder richtig Freude macht, ich wieder so gesund bin, dass ich dieser Tätigkeit nachgehen kann, und die Resonanz richtig gut ist. Ich bin einfach sehr, sehr dankbar.
Daran kann nicht einmal die medikamentenbedingte Hitzewallung nach Zweidritteln des Vortrags etwas ändern, die mir ein Schweißrinnsal über den Rücken und einen Schweißtropfen die Wange hinunter beschert.

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