Giersch

Giersch ist eine Pest. Für Nicht-Gärtner: Giersch ist eine Pflanzenart aus der Gattung Aegopodium in der Familie der Doldenblütler. Er vermehrt sich nicht nur über die Blüten und dann Versamung, sondern auch unterirdisch durch Wurzeltriebe, und das bringt´s anscheinend. Wenn man nämlich einmal Giersch im Garten hat, zwischen den Stauden oder Sträuchern, dann war´s das. Man wird ihn nicht wieder los.
Da nützt es auch nichts, dass die jungen Triebe angeblich lecker schmecken und sich gut für den Salat eignen sollen, oder dass sie auch Heilkräfte haben – antibakteriell und antientzündlich wirken.
Giersch ist und bleibt eine Pest, die jetzt im Frühling wieder ihr hässliches Haupt erhebt und sich erbarmungslos ausbreitet – wenn man nicht ständig – wirklich ständig – manuell gegen ihn kämpft oder Unkrautvernichter einsetzt, und wer will das schon. Die andere Möglichkeit ist friedliche Koexistenz, aber das fällt mir persönlich schwer, weil ich Giersch so gar nicht schön und auch nicht lecker genug finde, um friedlich mit ihm zu koexistieren.
Ist man einmal länger nicht in einer abgelegenen Ecke des Gartens gewesen – zack- hat der Giersch schon wieder ein paar Quadratmeter erobert. Alles ist schön grün und unterirdisch verwurzelt.
Aber wie sagte meine Urgroßmutter Wilhelmine Paysen aus Nordfriesland so schön: „Keen Nahdeel is so groot, dat dor nich ok een Vördeel bis is. (Ich weiß nicht, ob das richtig geschrieben ist, aber das ist Plattdeutsch und heißt übersetzt so viel wie: „Kein Nachteil ist so groß, dass er nicht auch einen Vorteil hat.“)
Und recht hat sie, die Urgroßmutter, das ist mir gestern wieder so klar geworden, als ich mich zur Giersch Bekämpfung in den Garten begeben habe.
Da ist diese Ecke im äußersten Südwesten des Gartens, etwas abseits und vom Haus aus nicht einsehbar, die ich vor meinem inneren Auge schon eine ganze Weile als gemütliche Sitzecke sehe. Da wächst ein Holunder und da ist ein großes Dahlienbeet, aber eben auch der Giersch in seiner aggressivsten Form. Und dafür, dass der Frühling noch am Anfang steht, hat er in Sachen Ausbreitung schon ganz schön vorgelegt.
Ich fange mit Grabegabel und Spaten an, die Fläche durchzuarbeiten – und jetzt kommt Uroma Wilhelmines Vördeel – Unkraut, besonders Giersch zu bekämpfen, ist therapeutisch. 


Schon nach ein paar Minuten fange ich an zu schwitzen, weil ich mit der Grabegabel tief in den Boden stechen muss, um wirklich alle Wurzeln mit den neuen Trieben zu erwischen. Das kostet Kraft. Der umgegrabene Boden riecht herrlich nach Frühling. Dicke, fette Regenwürmer kommen an die Oberfläche, ein Zeichen, dass der Boden gut ist und aufgelockert wird. Ich ziehe die Gierschwurzeln aus dem Boden, die teilweise miteinander verwoben sind wie große Netze. Ich schüttele die Erde von diesen Gebilden ab und werfe die Wurzeln in den Sack für Gartenabfälle. Beim Einsammeln der Wurzeln und Wurzeltriebe ist es wichtig, sorgfältig zu sein, weil sich schon aus dem kleinsten Wurzeltrieb eine neue Pflanze bilden kann, und dann geht der Spaß von vorne los.
Ich höre die unterschiedlichen Vogelstimmen, zwei Eichhörnchen jagen sich in dem riesigen Hartriegel, unserem Hausbaum, und ein paar Meter weiter blühen die ersten Tulpen in Pink und Rot.
Meine Gedanken fangen an, spazieren zu gehen. Ich muss daran denken, dass es so etwas wie Giersch auch in meinem Innenleben gibt – Überzeugungen, Verhaltensweisen und Angewohnheiten, die mir kein bisschen nützen, sondern mir nur das Leben schwer machen, die aber immer wieder viel zu viel Raum bekommen, obwohl mir klar ist, dass sie nur hinderlich sind.
Manchmal kann ich mit diesen Dingen eine Weile in friedlicher Koexistenz leben, aber am Ende ist es dann meist doch wieder so, dass ich mich damit befassen muss, weil sie meine Lebensqualität zu sehr einschränken.
Dann muss ich mir wieder die Frage stellen, wieso ich so oft Menschen und Situationen beurteile, obwohl ich gar nicht über die Informationen verfüge, die dazu nötig wären. Oder ich muss mich fragen, warum ich mir so viele Sorgen mache und grübele, obwohl mich das kein Stück weiterbringt. Warum ich in Gedanken so oft in der Vergangenheit oder in der Zukunft, obwohl mich das eine oft deprimiert und das andere Ängste schürt – statt im Hier und Jetzt zu bleiben?
Ich komme bei all diesen Fragen Schrittchen für Schrittchen weiter und merke ganz leichte Veränderungen – weniger Ängste, mehr Glücksmomente ohne erkennbaren Anlass, weniger Panik in Krisen, mehr Vertrauen auf Gott und in meine Mitmenschen.
Ich kann mich nicht von morgens bis abends damit beschäftigen, weil das auf Dauer einfach zu deprimierend wäre und zu viel schlechte Laune mit sich brächte, aber die körperliche Arbeit beim Kampf gegen den Giersch eignet sich hervorragend dafür.
Ich habe jetzt zwei Stunden in der Gartenecke gewühlt, und schätzungsweise fünf Quadratmeter sind gierschfrei (zumindest hoffe ich das – zeigen wird es sich erst in ein paar Wochen). Ich bin körperlich erschöpf, verschwitzt, völlig verdreckt – aber sehr zufrieden mit meinem Werk, und zwar sowohl dem inneren als auch dem äußeren.
Und es ist ein schöner Gedanke, dass die Sprüche von Urgroßmüttern bisweilen sehr lange Gültigkeit haben. Vielleicht haue ich auch mal einen für meine Urenkel raus.

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