Gut!

Das sind die letzten Rosen, die ich – noch nach dem ersten Nachtfrost – im Garten geschnitten habe. 
Was für eine Pracht! Und wie sie immer noch duften, wenn sich die Blüten in der Wärme des Zimmers öffnen. Das ganze Zimmer riecht danach.
Ich kann mich jeden Tag, den sie in der Vase stehen, über die Farben und den Duft freuen. Voller Vorfreude auf den nächsten Sommer.
In diesem Moment, wenn ich den Strauß anschaue, genieße ich ihn in vollen Zügen und staune über die Vielfalt und Pracht der Natur.
Ich könnte auch wehmütig sein – und das bin ich manchmal auch – dass es die letzten sind, dass jetzt erst ein langer, dunkler, kalter oder eher schmuddeliger Winter kommt, in dem der Garten grau und trist ist, nichts blüht und der Garten einfach nur da ist …
Aber dann würde ich diesen Rosenmoment verpassen, in dem der Duft, die Farben und der Anblick der Rosen mich einfach glücklich machen.
Ich habe die Wahl, und wenn ich es mir aussuchen kann, gucke ich doch lieber auf das Gute, auch wenn es vielleicht so manches gibt, was schwer ist und mir zu schaffen macht. Und je öfter ich das tue, desto mehr wird es zur Gewohnheit – das ist jedenfalls meine Erfahrung. Und je mehr es zur Gewohnheit wird, desto mehr Momente gibt es, die einfach gut sind und in denen mir nichts fehlt. Und je mehr solcher Momente ich erlebe, desto lieber und bewusster schaue ich erst auf das Gute in diesem Moment und nicht auf das, was vielleicht schwierig ist.
Das ist eine positive Kettenreaktion, die schon manchen Tag für mich gerettet hat.
Nein, es gelingt mir nicht immer, diese Wahl zu treffen und so positiv zu schauen, aber es gelingt mir immer öfter, und dafür bin ich sehr dankbar.
Als ich vor ein paar Tagen einkaufen war, bekam ich mit, wie sich zwei Frauen am Eingang trafen, die sich offenbar länger nicht gesehen hatten – Freundinnen vielleicht, vielleicht auch nur Bekannte.
Jedenfalls fragte die eine: „Hallo Petra (den Namen habe ich jetzt erfunden, weil ich ihren richtigen Namen vergessen oder gar nicht richtig registriert hatte). „Wir haben uns ja lange nicht gesehen. Wie geht es dir denn?“
„Gut!“ sagte sie Angesprochene sofort und ohne zu zögern. Und das klang auch gut.
Petra schwieg daraufhin eine ganze Weile – auffällig lange – und sagte dann:
„Gut sagst du also …….. das hört man ja nicht mehr oft.“
Woraufhin die andere sagte:
„Na ja, ganz gut, aber …“ und dann fing sie an aufzuzählen, was alles nicht gut war. Ihr eigener Gesundheitszustand, Kinder, die nicht so funktionierten wie sie sollten, ihr Chef …Die Liste wurde immer länger – so lang, dass ich nicht mehr zuhören konnte, ohne aufzufallen.
Ich weiß noch, dass ich dachte: Schade.
Dieses spontane „Gut“, das so frisch und echt geklungen hatte, wurde am Ende aufgefressen von all dem, was nicht gut war.
Sicher, es waren Dinge dabei, die bestimmt schwierig waren und nicht gut, aber sie überdeckten all das Gute, das offenbar auch vorhanden war, und zwar nur wegen Petras Bemerkung, dass man das ja nicht mehr so oft höre. So als wäre es ein moralischer Makel, wenn es einem gut geht – einfach so gut, in diesem Moment der Frage, ohne Wenn und Aber.
Mir wurde noch einmal neu bewusst, dass oft nicht irgendwelche Umstände darüber bestimmen, wie es mir geht, sondern wie ich über diese Umstände denke.
Und jetzt kommt´s:
Es waren dann doch noch nicht der letzte Rosenstrauß, den ich im Garten gepflückt habe, sondern als der erste nach ungefähr einer Woche verblüht war, habe ich noch einmal eine ganze Vase voll gefunden – und freue mich bis heute daran. Und wer weiß ….

 

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