Keine Langeweile

Mir wird nicht langweilig. Noch nie. Schon als Kind konnte ich nur schwer verstehen, was andere Kinder meinten, wenn sie über Langeweile klagten.
Dabei war es gar nicht so, dass ich dauernd tolle, spannende Sachen gemacht hätte. Oft bin ich einfach allein in der Gegend herumgestromert, habe vor mich hingesungen oder -geredet, mir Dinge genauer angeschaut, die mich interessierten und mir meine Gedanken über alles Mögliche gemacht.
Und das ist irgendwie immer noch so.
Heute zum Beispiel bin ich aufgewacht und sofort (mir ehrlich gesagt zu schnell) waren Gedanken da, die noch mit den letzten Fetzen meines schwindenden Traumes konkurrierten.
Bis ich richtig wach und aufstehbereit war, habe ich mich mit diesen Gedanken beschäftigt – die nicht alle schön waren, aber ein paar davon schon – und zack! war eine halbe Stunde vergangen.
Da ich zurzeit zwischen zwei Übersetzungen stecke – eine abgeliefert, das nächste Manuskript noch nicht da – kann ich meine Zeit einteilen und verbringen, wie ich will. Das ist ungewohnt.
Es ist heiß hier im Norden, und deshalb sitze ich schon um 7.30 auf dem Fahrrad, fahre in der angenehmen Morgenkühle durch die Felder, höre einen Kuckuck rufen, staune über blühenden Wiesenkerbel und die Roggen- und Weizenfelder, bläulich oder gelblich mit den wogenden Grannen, die aussehen wie ein samtiger Teppich.
Nach ungefähr anderthalb Stunden bin ich wieder zu Hause, gieße die Kübelpflanzen, wässere die Dahlien, pflücke Erdbeeren und die ersten Himbeeren, ernte Rhabarber, Salat und Kohlrabi, schneide verblühte Rosen und freue mich über die Blütenpracht im Staudenbeet.


Unser Garten macht mich glücklich!
Ich muss noch einmal an gestern Nachmittag denken. Ich hatte Dienst im Allerweltscafé, einem Treffpunkt für Geflüchtete, Einheimische und ehrenamtliche Helfer, in dem ich seit zweieinhalb Jahren mitarbeite.
Gestern fand eigentlich alles draußen im Garten des Gemeindehauses statt. Männer spielen Karten, geflüchtete Frauen lasen sich mit Hilfe einer Helferin Bilderbücher vor, viele kleine Kinder buddeln im Sandkasten, die größeren schaukeln oder spielen Fußball.
Kaffee und Tee waren gestern nicht besonders gefragt, dafür Saft und Apfelspalten umso mehr.
Von außen betrachtet ein richtiges Idyll in der Nachbarschaft, das ich nur schwer zusammenbringe mit dem, was zurzeit die Medien beherrscht.
Die Menschen, mit denen ich es hier zu tun habe, sind überwiegend freundlich, haben so viel Hoffnung – besonders für ihre Kinder – und viele haben unendlich viel Schweres hinter sich.
Natürlich gibt es aber auch hier – wie überall – die Fordernden, Unzufriedenen, denen es nie genug ist, die sich ausschließlich als Opfer sehen und die nicht bereit sind, selbst aktiv zu werden für sich und ihre Familien.
Ich bin gerne im Café. Es relativiert meine Probleme, und ich komme jedes Mal, wenn ich Dienst habe, beschwingt nach Hause. Die Mitarbeit dort macht mich glücklich.
So, alles fertig gegossen und dann noch ein paar Blumen für die Vase gepflückt.
Jetzt erstmal frühstücken.
Ich frühstücke gern in Gesellschaft, aber ich kann es auch allein genießen. Erdbeeren mit Joghurt und Walnüssen.
Ich lese die Tageszeitung, räume auf, stelle eine Waschmaschine an und erledige ein paar Mails und Anrufe.
Dann lese ich in dem Buch weiter, das ich vor ein paar Tagen angefangen habe und schreibe meine Gedanken auf.
Zwischendurch gibt es immer wieder Phasen, in denen mir Gedanken und Erinnerungen in den Sinn kommen.
Ich setze mich auf die Gartenschaukel unter den riesigen Hartriegel mit Blick auf die Hochbeete, aus denen Salat, Kohlrabi. Sellerie, rote Bete, Bohnen und Möhren herausschauen und bin dankbar dafür, dass ich das alles so genießen kann.
Mir ist sehr bewusst, was für ein Privileg es ist, so leben und arbeiten zu können, und ich kann nichts dagegen tun, dass sich immer wieder schlechtes Gewissen einschleicht, wenn ich nicht arbeite – im Sinne von: meinem Beruf nachgehen.
Ich weiß, das ist verrückt, aber wie gesagt – ich kann nichts dagegen tun, außer mir bewusst zu machen, wie unsinnig das ist.
Ich wünsche mir ein Gleichgewicht zwischen Genießen und Arbeiten, zwischen Einsatz und Entspannung, Freude und Trauer, Spontaneität und Reflexion. Oft bin ich nah dran an diesem Gleichgewicht, manchmal aber auch meilenweit entfernt.
Aber so ist das wohl einfach, und es ist dem besagten Gleichgewicht sicher förderlich, das zu akzeptieren.


Später arbeite ich dann noch ein bisschen an dem Quilt, den ich gerade nähe, esse mit dem Besten zusammen ein leckeres Essen, das er gekocht hat nachdem er von der Arbeit gekommen ist (ja, das kann ich aushalten, obwohl ich den ganzen Tag zu Hause war) und sehe noch fern.
Ein völlig unspektakulärer Tag ohne eine Sekunde Langeweile.
Ich glaube, dass Eltern ihren Kindern heutzutage zu viel Unterhaltung bieten. Viele setzen sich selbst unter Stress, gönnen sich keine ruhige Minute Ruhe, damit die Kleinen nur ja keine Langeweile haben, und ich glaube, das ist kontraproduktiv;  denn es ist so, wie meine Freundin E. immer sagt: „Mit der Langeweile ist das so: Sie wird immer schlimmer und immer schlimmer und immer schlimmer, und wenn man es gar nicht mehr aushalten kann, dann fällt einem was ein.“
Genau so isses, E.
Nur so werden wir unabhängiger von ständigen Anregungen und Reizen von außen und zapfen unsere inneren Quellen an.

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