Origineller geht´s nicht

Kreativität hat in dieser Zeit einen unglaublich hohen Stellenwert. Neue Ideen – von Geschäftsideen über Mode, Werbung, Musik und Einrichtungsstil – sprießen wie Pilze aus dem Boden und verbreiten sich übers Internet in Windeseile.
Wenn wir wollen, können wir jeden Tag unendlich viele neue Ideen anschauen, anhören, lesen und oft auch nachmachen. Das Netz ist voll mit perfekten Bildern von all dem, was gestaltet werden kann.
Etwas Neues zu erfinden oder zu gestalten, liegt ja in der Natur des Menschen. So wie wir Originale sind, ist auch das, was wir denken, tun und gestalten, originell. Ich empfinde das als sehr schön und als großes Geschenk.
Wenn ich also, wie neulich, ein Geschenk verpacke, dann ist das an sich originell, weil ich es genau so verpacke, wie ich das eben tue. Ich nahm also ein Stück Packpapier, wickelte es um das Geschenk und band eine Schleife darum. Fertig.
Fertig??? Wirklich???
Wie unoriginell, dachte ich. Einfach Papier und Schleife – und dann stellte ich mir mein Geschenk neben all den anderen originell verpackten auf dem Geschenketisch vor.
Ich könnte ja noch einen Luftballon dranbinden oder Konfetti draufkleben oder ….
Rasch noch eine Karte zu dem Geschenk schreiben… eine originell selbstgebastelte hatte ich nicht da, also eine ganz normale mit Gruß zum Anlass und dem darauf, was ich dem Beschenkten wünsche.
Aber einfach nur alles Liebe … Geht es nicht ein bisschen origineller? Vielleicht ein kerniger Spruch, ein Wortspiel oder einen Kalauer?
Also dann eben einfach nur herzlichen Glückwunsch und das Allerbeste … schreibe ich der Ehrenperson, denn genau das ist es, was ich ihr wünsche.
Und jetzt umziehen für das Fest. Ich stehe vorm Kleiderschrank und überlege hin und her. Das ist zu eng, das ist zu bunt, das ist zu spießig und das zu schick. Ich habe so gar nichts Originelles dabei, mit dem ich mich wenigstens ein bisschen abhebe – dann eben das lässige kleine Schwarze – damit kann man nichts falsch machen.
Das ließe sich jetzt so fortsetzen über die Wohnungseinrichtung, die Musik, die ich höre, meinen Literatur- und Kunstgeschmack, meine Gartengestaltung usw.
Ich habe das Gefühl, dass die Bilderflut in den Medien uns zu immer angestrengteren, abgedrehteren Originalitätsbemühungen animiert, und dass es mittlerweile geradezu eine Art Zwang zur Originalität gibt – zum anders sein als die Anderen –  der auch mich nicht unberührt lässt.
Ich finde das zunehmend anstrengend, weil es dabei meistens nicht um den Inhalt, sondern nur um die Verpackung geht.
Was nützt die originellste Geburtstagskarte mit dem originellsten Text darauf, wenn ich beim Schreiben nicht innerlich bei der Person bin, die sie bekommt, sondern mit den Gedanken letztlich bei mir selbst und der Frage hängenbleibe, ob ich originell genug bin.
Was nützt mir die originellste Wohnung, wenn sie nicht einladend ist und Raum und Offenheit für andere bietet?
Was nützen die abgedrehtesten Klamotten in den originellsten Farbkombinationen, wenn ich innerlich nicht weiß, wer ich bin?
Wie gesagt, Originalität ist ein Geschenk – und zwar eines, das jeder bekommt.
Wenn ich dieses Geschenk als die Möglichkeit betrachte, die Person zu sein, die ich bin, dann brauche ich nicht so viel nach links und rechts zu schauen und bin automatisch und unangestrengt originell.

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen