Patchwork

In einem Anflug von Mutter- und Schwiegermutter-Liebe habe ich meinen Kindern versprochen, ihnen zur Hochzeit einen selbstgenähten Quilt zu schenken. Unser drittes Kind hat vor ziemlich genau einem Jahr geheiratet, demnach müsste ich mittlerweile drei Quilts genäht haben – hab ich aber nicht.
Bis jetzt habe ich zwei fertig, für den einen habe ich drei, für den anderen sogar vier Jahre gebraucht, weil ich hartnäckig darauf bestehe, mit der Hand zu quilten.

Vielleicht zur Erklärung – ein Quilt ist eine Art Steppdecke, die aus drei Schichten besteht – einer Patchworkschicht, also einer Art Flickendecke, einer Mittelschicht aus Baumwoll- oder Synthetik Vlies und einer, meist aus nur einem Stoff bestehenden, Rückseite. Die drei Schichten werden miteinander verbunden, indem man sie mit der Maschine oder mit der Hand aufeinander näht. Ich mache das – das Quilten – mit der Hand, und zwar immer auf den Nähten der Patchworkseite entlang, so dass auch auf der Rückseite eine Art Muster entsteht.
So viel zur Technik.
Ich quilte schon seit Jahren, meistens „anfallartig“ sehr viel, dann wieder eine Weile gar nicht und dann wieder täglich.
Viele Quilter finden, dass das Schönste an der Herstellung eines Quilts das Gestalten der Patchworkschicht, also der Oberseite ist, aber das ist bei mir anders. Ich mag am liebsten das Quilten, also das Zusammenfügen der drei Schichten mit der Hand. Stück für Stück, Stich für Stich – weil ich dabei meine Gedanken wandern oder fließen lassen kann.
Der neueste Hochzeitsquilt, an dem ich gerade arbeite, besteht ausschließlich aus alten Oberhemden des Besten und einem Leinenbettlaken aus der Aussteuer seiner Mutter.
Für die Rückseite habe ich einen Stoff im Scandy-Style gekauft.
So sieht das aus:

Wenn ich jetzt also Stich für Stich immer an den Nähten der Dreiecke entlang sticke, ist da viel Zeit und Raum für Gedanken – und das liebe ich.
Ich sehe die Hemdenstoffe, denke an die Zeiten, in denen der Beste sie getragen hat, wie alt die Kinder zu dem Zeitpunkt waren und worin die Herausforderungen und Freuden in diesem Zeitraum bestanden. Ich lasse Gefühle hochkommen – manchmal schöne, manchmal beängstigende, manchmal auch traurige, und ich bete für die Kinder – ja, immer noch – die mittlerweile alle verpartnert sind und ihr eigenes Leben führen.
Manchmal fällt mir dann plötzlich auf, wo ich mich unmöglich benommen habe und um Verzeihung bitten muss, oder ich merke auch, was der Beste und ich alles geschafft haben in der Zeit, die wir jetzt schon zusammen sind. Ich bin dankbar dafür, dass ich mit allen unseren Kindern reden kann und sie mich an ihrem Leben teilhaben lassen. Das finde ich absolut nicht selbstverständlich.
Ich merke, wie die Einzelteile des Patchworks wie Phasen oder Momente meines Lebens sind, und gar nicht so selten münden diese Gedanken in Ideen für etwas Neues – einen Vortrag, etwas, das ich bei meiner Arbeit – der beruflichen wie der ehrenamtlichen – gebrauchen kann, oder eine neue Sicht auf eine persönliche Fragestellung oder Entscheidung.
Das Quilten geht sehr langsam und entschleunigt deshalb auf der Stelle.

Oft merke ich beim Quilten, was mir gerade quer sitzt, wenn mir mein Leben holprig und schwer vorkommt.
Patchwork – Stück für Stück „gebrauchtes“ Leben, das nochmal hervorgeholt und in einem neuen Zusammenhang einem neuen Zweck zugeführt wird. Für mich ist das meditativ, konstruktiv und zutiefst befriedigend.
Und der Gedanke, dass so ein Quilt mit all meinen Gedanken und Gebeten und guten Wünschen dann bei dem jeweiligen Kind mit seinem Partner einzieht und sie in ihrem Neuen Lebensabschnitt begleitet, ist für mich beglückend und auch ein bisschen tröstlich.

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