Pure Pracht

Bei uns sind die Sommerferien zu Ende. Es war ein langer, heißer Sommer.
Am Anfang, als es genau genommen eigentlich noch Frühling war, habe ich viel auf der Gartenschaukel gesessen, das verrückte Eichhörnchen über meinem Kopf beobachtet, das wie wild in unserem riesigen Hartriegel herumtobte, und den Anblick der ersten Rosen- und leuchtend gelben Zucciniblüten, der roten Erdbeeren und Johannisbeeren, der herrlichen Rhododendronblüten und unseres großen Kartoffelbeetes genossen.
Mit zunehmender Hitze habe ich mich dann eher im Haus aufgehalten. Es war zu heiß, um zu arbeiten und erst recht, um zu schreiben. In der größten Hitze hatte ich manchmal das Gefühl, dass sich meine Gedanken, während ich sie dachte, einfach auflösten und weg waren.
Fast jeden Abend mussten der Beste und ich unseren großen Garten wässern, damit die Gemüseernte und meine Blumen nicht umkamen, denn wir hatten wochenlang keinen Tropfen Regen.


Jetzt ist der Alltag wieder eingekehrt und es ist immer noch schön warm, aber es hat mittlerweile ein, zwei Mal geregnet, und es ist wieder herrlich, sich im Garten aufzuhalten.
Dies ist die Gartenzeit, die ich am meisten liebe. Morgens und abends schlendere ich durch den Garten, schaue mir die Hochbeete mit Bohnen, Roter Bete, Sellerie, Salat und Mangold an, ernte hier und da etwas, grabe dann ein paar Kartoffeln fürs Abendessen aus und pflücke ein paar Himbeeren für mein Frühstück. Unter dem Apfelbaum liegt Fallobst, und ich sammle jede Menge Äpfel ein, um sie zum leckersten Apfelmus ever zu verarbeiten.
Klingt das idyllisch? Ist es auch!


Ich bestaune die Pracht der zweiten Rosenblüte, der Zinnien, der japanischen Anemonen und der Fetthenne, deren Blüten sich ganz, ganz langsam rosa färben. Der Phlox in vier unterschiedlichen Rot- und Rosatönen duftet schwer und süß.
Und dann sind da – überall im Garten verteilt, an allen Zäunen und Abgrenzungen entlang – Dahlien.

   

Sie sind meine Liebsten. Es gibt sie in unterschiedlichsten Größen, Formen und Farben, und sie blühen den ganzen Sommer bis zum ersten Frost. Vielleicht mag ich sie auch so sehr, weil sie meine Geburtstagsblumen sind.
Vor dem Haus haben wir eine Art Hecke aus roten Dahlien, die mich jedes Mal glücklich macht, wenn ich sie anschaue, und hinter dem Haus gibt es Dutzende von Dahlienpflanzen, die unermüdlich blühen und die ich wöchentlich zu dicken Sträußen binde.
Das ist Fülle!
In die mischt sich aber jetzt, nach dem der Zenit des Sommers überschritten ist, ganz leise ein erster Hauch von Wehmut – der Beginn von Abschied.
Die Abende werden kürzer, die Nächte wieder kühler, und ganz oben an unserem Hartriegel kräuseln und verfärben sich die ersten Blätter – er ist immer der Erste.
Es ist noch Zeit bis zum Herbst, aber leise und unaufdringlich kündigt er sich an – das finde ich gut so, damit ich die Pracht noch so richtig genießen und mich innerlich auf das Vergehen und auch auf die Winterruhe vorbereiten kann.
Wenn Gäste unseren Garten anschauen, kommt fast immer ganz schnell die Aussage: „Wie schön, aber viel Arbeit, oder?“
Und besonders beim Bestaunen der vielen Dahlien kommt eigentlich immer die Bemerkung. „Die muss man doch im Frühling ein- und im Herbst wieder ausgraben, oder? Das wäre mir zu viel Arbeit!“
Das kann ich gut verstehen.
Aber für mich lohnt sich diese Arbeit jedes Jahr aufs Neue wieder! Wenn ich jetzt im Herbst zusammen mit dem Besten die braunen Triebe abschneide und dann die dicken Knollen ausgrabe und im Winterlager verstaue, dann freue ich mich schon aufs nächste Frühjahr, wenn ich wieder Löcher buddele und die Knollen in die noch sehr kühle Erde lege und auf den Sommer mit all der Blütenpracht!
Irgendwie ist das der Inbegriff von Hoffnung und Zuversicht.
Das Schöne und Beglückende fällt zwar manchmal auch einfach so vom Himmel, aber manchmal müssen wir auch ein paar Handgriffe dafür tun, und das finde ich sehr befriedigend und beglückend!
Ich kann etwas dazu beitragen, dass ich erfüllt und zufrieden bin – nicht nur im Garten – und dafür bin ich sehr dankbar.

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