Recht hat er, der Pinguin

Vor einiger Zeit habe ich bei einem Frauenfrühstück meinen Vortrag
Nur Engel dürfen dick sein – von Schönheitswahn und wahrer Schönheit gehalten.
Es geht in dem Vortrag darum, wie das derzeit herrschende superdünne Schönheitsideal schon mehrere Generationen unglücklicher, selbstverachtender, kranker Mädchen und Frauen mit Minderwertigkeitsgefühlen hervorgebracht hat, die sich ständig vergleichen und dadurch ihr Leben vergiften.
Ich drücke das so krass aus, weil ich überzeugt bin, dass es so ist – und soziale Netzwerke mit vielen perfekten Bildern verschlimmern die Situation noch.
In meinem Vortrag versuche ich herauszuarbeiten, wieso wir als Frauen so anfällig für dieses Ideal und auch fürs Vergleichen sind, und was wir dagegen tun können. Ein Mittel ist beispielsweise, unseren Kindern und Enkeln immer wieder zu sagen, wie schön es ist, dass sie da sind, und dass sie so, wie sie sind, ganz genau richtig sind, und dass sie so schön sind und dass sie unser Leben schön und hell und froh machen – und dass wir uns ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen können.
Als der Vortrag zu Ende war, zeigte eine der Teilnehmerinnen mir ein Foto ihrer Enkelin im Prinzessinnenkostüm – ein goldiges kleines Mädchen, vielleicht vier oder fünf Jahre alt, das glücklich und unbefangen in die Kamera schaut. Der Oma war anzumerken, wie stolz sie auf die kleine Prinzessin war.
Eine Bekannte der Frau schaute ebenfalls auf das Foto und sagte: „Die ist aber ganz schön propper, was!?“
Der stolzen Oma ging ein Schatten über die Miene und ich war frustriert und fragte mich, ob ich mich in meinem Vortrag nicht klar genug ausgedrückt hatte. 
Wie kommt es eigentlich, dass wir oft so hemmungslos sind, wenn es darum geht, andere zu beurteilen und zu bewerten – oft ohne den Hauch einer Ahnung zu haben über das Leben, geschweige denn das Innenleben der betreffenden Person. Und ich nehme mich da nicht aus, obwohl mir das Thema wichtig ist und ich auch weiß, dass das Kommentieren des Inneren oder Äußeren eines Menschen – es sei denn man wird dazu aufgefordert – überflüssig ist wie ein Kropf.
Vielleicht fühlen wir uns selbst klein und mickrig und glauben, überlegen oder sicherer zu wirken, wenn wir etwas kommentieren – was natürlich ein Trugschluss ist, weil uns meist Informationen fehlen, um eine Situation wirklich beurteilen zu können.
Vielleicht geschieht so ein Beurteilen und Werten oft auch völlig gedankenlos. Wir tun es, weil es doch alle tun – in den sozialen Netzwerken auch immer grenzenloser und vulgärer.
Wieso nur erinnern wir uns so selten an Gelegenheiten, bei denen so ein Kommentar über uns fiel, uns seitdem begleitet und immer wieder für Beschämung und Minderwertigkeitsgefühle sorgt.
Jede/r weiß, wie das ist und wohl jede kann einen Satz nennen, der sie so getroffen hat, dass er wie eingebrannt ist. Oft ganz harmlos wirkende kleine Bemerkungen.
Wäre es nicht schön, wenn wir es lassen könnten, andere zu kommentieren, es sei denn, wir möchten ein von Herzen kommendes Kompliment machen?
Wie viele Beziehungen wohl durch solche unnötigen Kommentare zerstört werden. Wie viele Menschen dauerhafte Narben durch solch Kommentare davontragen. Wie viele Kinder durch ständiges kommentiert Werden mit einem völlig verzerrten Selbstbild aufwachsen.
Also lassen wir es doch einfach.
Vor einiger Zeit habe ich auf einem Laptop einen Bildschirmschoner gesehen, der mir sehr gefallen hat.
Es ist ein kleiner Pinguin, der immer näher und näher kommt, bis das Gesicht mit dem durchdringenden Blick der Knopfaugen den ganzen Bildschirm ausfüllt und der Pinguin sagt:
„Wenn man nicht weiß, was man sagen soll, einfach mal Fresse halten!“
Recht hat er, der Pinguin.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

    1. Thank you!

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