„Wir schaffen das“?

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Vor drei Jahren sagte Bundeskanzlerin Merkel den Satz: „Wir schaffen das“ im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsstrom, der in Deutschland ankam. Seit damals scheiden sich die Geister an dieser Aussage, und auch ich stimme manchmal zu, dann aber auch wieder nicht.
Seit 2015 bin ich in meinem Wohnort ehrenamtlich aktiv in der Flüchtlingsarbeit, und von großer Freude über erfolgreiche Integration von Menschen bis hin zu persönlichen Angriffen und Enttäuschung habe ich in dieser Zeit alles erlebt.
Die Bedingungen in meinem Wohnort für Geflüchtete sind eigentlich sehr gut. Die etwa 600 Menschen sind dezentral – also nicht in Flüchtlingsunterkünften untergebracht, sondern in Wohnungen und Häusern, die von der Gemeinde gekauft oder angemietet worden sind. So können zwischen den geflüchteten Menschen und den Einheimischen ganz „normale“ nachbarschaftliche Beziehungen entstehen, was – mehr oder weniger – auch geschieht.
Im Rathaus gibt es eine Stabstelle für Geflüchtete, die von einer engagierten Beamtin besetzt ist, die ein offenes Ohr sowohl für die Geflüchteten als auch für die ehrenamtlichen Helfer hat. Es gibt ein Familienpaten-Modell, das heißt, ehrenamtliche Helfer, die eine Einweisung bekommen haben – bei mir waren das acht Abende mit wertvollen Informationen (die sich allerdings auch immer wieder änderten) helfen neu angekommenen Geflüchteten bei ihrer Eingewöhnung in der neuen Heimat. Für diese Familienpaten und auch andere ehrenamtliche Helfer in der Geflüchteten-Arbeit gibt es einen Stammtisch, der regelmäßig stattfindet, und bei dem es zum einen immer wieder aktuelle Informationen gibt, geplant wird, welche Fortbildungsangebote für Helfer hilfreich wären, und bei dem sich Helfer ganz einfach austauschen können – sowohl über Frustrierendes als auch über Erfreuliches.
Drei Integrationslotsen kümmern sich außerdem am Anfang um die Geflüchteten.
Außerdem gibt es das Allerweltscafé, das einmal wöchentlich am Nachmittag von Ehrenamtlichen im Gemeindehaus einer Kirchengemeinde betrieben wird. Es ist ein Treffpunkt für Geflüchtete und ehrenamtliche Helfer, an dem bei Kaffee und Keksen geplaudert, gespielt, Deutsch geübt, Hilfestellung beim Ausfüllen von Formularen und Verstehen von Verwaltungsabläufen gegeben wird.
Das klingt jetzt vielleicht alles ein bisschen nach heiler Welt, aber wie man sich ja vorstellen kann, ist es das nicht. Es hat im Laufe der vergangenen Jahre auch viel Frust gegeben – über Geflüchtete, die sich nicht an Absprachen halten, völlig überzogene Erwartungen haben, keine Motivation haben, Deutsch zu lernen – auch Frust über Mitbürger, die voller Vorurteile sind. Frust darüber, dass alles so langsam geht – von der Einrichtung von genügend Deutschkursen, über die Asylverfahren, bis hin zum Finden von Wohnungen auf dem freien Wohnungsmarkt für Geflüchtete.
Wir lernen uns besser kennen – die geflüchteten Menschen und die Helfer, bekommen ein realistischeres Bild davon, was möglich ist und was nicht.
Wir staunen darüber, wie schnell die Kinder Deutsch lernen und sich eingewöhnen, wir weinen gemeinsam über Trauriges in unseren Familien und freuen uns über Schönes.
Wir freuen uns, wenn wir uns im Ort sehen und mit Namen grüßen können – das ist einfach schön.  Wir erfahren mehr voneinander, auch davon, wie die Geflüchteten in der Heimat gelebt haben und über ihre – oft traumatische Flucht.
Manchmal haben wir keine Lust mehr – wir Helfer zum Helfen und die Geflüchteten zur Integration in all das Fremde – aber sollen wir wirklich das Feld den Rassisten überlassen, denen, die Nazi-Parolen brüllen keinerlei Anstalten machen auch nur ansatzweise zu differenzieren?
Im Allerweltscafé war diese Woche Sommerfest – es war lange geplant. Alle Gäste sollten ein Büffet zusammenstellen, wir wollten zusammen essen und – wenn möglich auch Musik aus der Heimat der Geflüchteten hören.
Ich hatte eine der ehrenamtlichen Helferinnen, die zu den Geflüchteten gehört, gefragt, ob man nicht für Musik sorgen könnte, nach der man auch tanzen kann. Sie sagte, sie werde sehen, was sie tun könne.
Am Tag des Festes war ich nicht in bester Verfassung und hatte deshalb so gar keine Lust. Gegen Mittag brachte ich Blumen aus unserem Garten für die Deko, Tischdecken und Servietten ins Gemeindehaus – immer noch relativ lustlos. Ab 16.00 Uhr war Einlass, gegen 16.30 machte ich mich auf den Weg – immer noch ohne große Begeisterung, aber ich hatte Dienst – also los.
Im Eingangsbereich des Gemeindehauses war schon der meterlange Büffettisch vorbereitet, auf dem schon mehrere orientalische Speisen standen, die einen unglaublichen Duft verbreiteten. Es waren schon etliche Gäste da, und in dem Ganzen wuselten zahlreiche Kinder herum.
Meine Stimmung besserte sich.Ein paar Worte mit MitarbeiterInnen und Gästen.
Die Stimmung besserte sich weiter.
Das Büffet wurde eröffnet und verputzt.
Noch bessere Stimmung.
Und dann kam die Band. Ja, jemand hatte irgendwie eine persische Band organisiert, die nach dem Essen anfing zu spielen, und die ersten Gäste begannen zu Tanzen – und dann gab es kein Halten mehr.
Ich glaube so ziemlich alle haben getanzt. Männer und Frauen aus Afghanistan, dem Iran, aus dem Irak, aus Deutschland und vielen anderen Ländern tanzten und pfiffen und jubelten – und zwar bis in den Abend.
Da waren gelöste, entspannte Gesichter, es wurden Lieder mitgesungen, die Kinder hopsten und wir Deutschen überwanden größtenteils unsere Hemmungen und Steifheit, reihten uns ein und tanzten ebenfalls mit.
Es war schön! Beglückend! Friedlich! Fröhlich!
So ist es nicht immer, nein. Manchmal ist es auch nur anstrengend und nervig. Aber dieser Nachmittag hat mich – und ich glaube auch andere – ganz neu motiviert, weil wir alle Menschen sind.
Ich glaube, das ist das, was ich ganz persönlich gegen das setzen kann, was gerade in Chemnitz passiert.
„Schaffen wir das?“
Wie gesagt, nein und ja. Wir schaffen es nicht, wenn nicht die Politik aktiv wird und für klarere, eindeutigere Regeln in Form eines Einwanderungsgesetztes sorgt, sowie bestehendes Gesetz konsequent umsetzt.
Wir schaffen es nicht, wenn sich auf dem Weg der Integration Geflüchteter deutsche Staatsbürger abgehängt fühlen. Und wir schaffen es nicht, wenn nicht mehr Transparenz und Ehrlichkeit in politischen Entscheidungen erreicht wird.
Wir schaffen es nicht, wenn Parteipolitik über das Gemeinwohl gestellt wird, und wir schaffen es nicht, wenn es für Politiker wichtiger ist, telegen zu sein und möglichst häufig in den Medien aufzutauchen, als denen zu „dienen“ (böses, altmodisches Wort), von denen sie gewählt wurden.
Wir schaffen es nicht, wenn jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, und wir schaffen es nicht, wenn wir uns nicht immer wieder vor Augen führen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.
Aber wir können viel schaffen, wenn wir mit offenen Augen durchs Leben gehen und etwas über die Menschen erfahren möchten, von denen wir umgeben sind – und zwar über alle.
Wir können viel schaffen, wenn wir weder Herz noch Verstand ausschalten und Gerechtigkeit uns ein Herzensanliegen ist.
Und wir können viel schaffen, wenn wir uns eingestehen, dass Helfen glücklich macht – und zwar nicht nur den, dem geholfen wird, sondern auch den Helfer selbst.
Wir können viel schaffen, wenn wir andere – und zwar alle – so behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten.
Es wird uns etwas kosten – finanziell, emotional und zeitlich – aber  wir können viel schaffen.

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