Schritte

In den letzten Wochen habe ich einige Kritik erfahren, und zwar nicht an meiner Arbeit, sondern an meiner Person, an Eigenschaften.
Beim „Herumkauen“ auf diesen Kritikpunkten, sind mir folgende Gedanken gekommen, die ich teilen möchte, weil sie vielleicht nicht nur mir, sondern auch anderen weiterhelfen.

  • Manche der Kritikpunkte waren nicht zutreffend. Nach eingehender Prüfung durch mich und Personen meines Vertrauens, auf deren Urteil ich etwas gebe, und von denen ich weiß, dass sie mich nicht „schonen“, habe ich diese Punkte zur Kenntnis genommen und zu den Akten gelegt. Dabei habe ich mir bei manchen Punkten die Frage gestellt, ob die Kritik vielleicht nicht eher etwas mit dem/der KritikerIn selbst zu tun hat als mit mir. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass mir das, was ich an mir selbst nicht leiden kann, an anderen Personen besonders auffällt und ich dann entsprechend heftig (empfindlich) darauf reagiere.
  • Manche Punkte waren zutreffend, und weil die Kritik von Menschen kam, die mir nicht besonders nahestehen und ich im Grunde auch ohne Personen meines Vertrauens fragen zu müssen, wusste, dass sie mit ihrer Kritik recht hatten, war es peinlich. Ich habe mich sehr geschämt. Ich möchte nicht so sein, wie ich da wahrgenommen werde.  

Scham ist ein fieses Gefühl, und wenn man es auf sich beruhen lässt und weiter mit sich herumschleppt, ohne etwas damit anzufangen, dann ist es destruktiv, weil es lähmt. 
Brené Brown, eine amerikanische Soziologin und Schamforscherin hat sich ausführlich mit diesem Gefühl beschäftig und dabei herausgefunden:

  • Destruktive Scham lebt davon, dass das, wofür ich mich schäme, geheim bleibt. Die Scham sagt: „Niemand darf es wissen!“
  • Und destruktive Scham lebt davon, dass die Person, die sich für etwas schämt, glaubt, sie wäre die Einzige, die so eine schlimme Eigenschaft/Verhaltensweise/Einstellung u.Ä. hat.

Weil ich nicht so bleiben möchte, wie ich bin und nicht so wahrgenommen werden möchte, wie ich da offenbar wahrgenommen werde, habe ich beschlossen, der Scham ihre Grundlage zu entziehen, indem ich das hier schreibe.
Ich habe Verhaltensweisen an den Tag gelegt, durch die sich andere nicht ernst genommen und/oder sogar abgewertet gefühlt haben.
Was mache ich damit? Ich entschuldige mich bei den betreffenden Personen, erkenne an, dass ihre Wahrnehmung richtig und mir wichtig ist.
Ich stelle aber auch fest, dass ich keineswegs die Einzige bin, die sich so verhält. Das ist keine Entschuldigung, sondern nur der zweite Punkt, an der ich einer lähmenden destruktiven Scham die Grundlage entziehe.
Und erst jetzt kann diese Erfahrung, kritisiert zu werden als Grundlage dienen, mich zu verändern. Erst jetzt kann die Kritik positive Auswirkungen haben, und ich kann sogar dankbar sein, dass jemand dieses Verhalten von mir, das mir kein bisschen weiterhilft im Leben, beim Namen genannt hat.
Ich kann nämlich ganz konkret darauf achten, dass ich mich in Bezug auf das, was da an mir kritisiert wird, anders verhalte. Ich bemühe mich um Veränderung.
Ja, es erfordert Mut und Überwindung, mich dem zu stellen, und es fällt mir wirklich nicht leicht, das hier zu schreiben, aber – und das ist auch eine der Grundaussagen von Brené Brown – ohne den Mut, uns verletzlich zu machen, zu versagen und sogar zu scheitern entwickeln wir uns nicht weiter. Weiterentwickeln möchte ich mich aber auf jeden Fall, und zwar so, dass ich für andere Menschen eine Bereicherung und keine Belastung bin und auch mich selbst realistisch, aber auch wohlwollend im Blick behalte.
Das hier ist ein Schritt in diese Richtung.
Dieser Mut, Schritte zu tun, belohnt sich selbst, indem er eine Entwicklung in Gang setzt, die sich selbst verstärkt. Es wird nämlich immer einfacher, Fehler und Versagen einzugestehen, statt sich still vor sich hin zu schämen, weil die Erfahrung, sich zu verändern ebenso befreiend wie beglückend ist.
Ich wünsche mir und jedem/jeder der/die es ausprobieren möchte, dabei am Ball zu bleiben und zusätzlich die Erfahrung zu machen, dass es Menschen einander näher bringt, wenn sie ihre Fehler eingestehen und sich verletzlich machen, und das ist ein großes Glück.

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen