Vertikutieren und andere Aufräumarbeiten oder: nicht Sabbeln

Ganz früher hatten wir einen Garten, in dem der Rasen nicht vertikutiert werden mussten, weil er nur aus Gras bestand, wie es sich für einen Rasen gehört.
Dann hatten wir einen mittelgroßen Garten mit einem Rasen, in dem sofort das Moos die Herrschaft übernahm, wenn nicht regelmäßigst vertikutiert und gekalkt und gedüngt und was weiß ich noch alles damit veranstaltet wurde. Das lag daran, dass der Boden dort sehr feucht und lehmig war, nach Osten ausgerichtet also nur morgens einigermaßen viel Licht bekam, und dann auch noch von einer wunderschönen, riesigen Buche überschattet wurde, was mir als Gartenbesitzerin gefiel und auch dem Moos, aber dem Rasen nicht.
Jetzt haben wir einen großen Garten mit Obst und Gemüse und allem Drum und Dran – auch mit Rasen. Viel Rasen.
Auch hier gibt es schattige Plätzchen, in denen sich das Moos rabiat ausbreitet, wenn wir nicht Obacht geben, aber weil wir das natürlich tun, war es gestern wieder soweit.
Der Beste kam mit dem geliehenen Vertikutierer angefahren, lud ihn aus, und ich spürte, dass er mir das Gerät nicht so recht anvertrauen wollte, jedenfalls nicht sofort.
Ich geduldete mich also, ließ ihn gewähren und begnügte mich zunächst damit, das herausvertikutierte Zeugs – überwiegend Moos – zusammen zu harken. Berge waren das. Berge! Nicht zu fassen, dass das alles in unserem Rasen gesteckt hatte, der jetzt nach der Behandlung zugegebenermaßen ziemlich mitgenommen aussah. Viel Erde, wenig Grün.
Als die erste Ladung Moos etc. zusammengeharkt und in riesige Gartenabfallbeutel (oder wie heißen diese riesigen grünen Säcke mit Griffen) verbracht worden war, machte der Beste sich damit auf den Weg zur Gartenabfallkompostierungsanlage unserer Gemeinde.
Jetzt war meine Stunde gekommen. Ich bediente den Vertikutierer.
So ein Gerät ist ja eigentlich nichts anderes als eine Walze mit Zacken, die sich dreht und alles aus dem Rasen herausholt, was nicht hineingehört. Überwiegend Moos eben.
Der Rasen wird belüftet. Das, was bleiben darf, wird sozusagen wieder freigelegt, sodass es sich wieder entfalten und wachsen kann.
Zwar sieht der Rasen hinterher – wie gesagt – erstmal nicht besser, sondern erheblich schlechter aus, aber wenn er eine Dosis Dünger und einen Regenguss bekommen hat, dann sieht er in Nullkommanichts wieder schön aus. Ich finde zwar Moos auch schön, denn es geht sich darauf so herrlich weich, aber wenn am Ende nur noch Moos und kein Gras mehr da ist, gefällt es mir nicht mehr.
Ich sag ja immer, dass Gartenarbeit etwas Kathartisches hat. Kathartisch bedeutet reinigend, läuternd. Ein Begriff, der in der Psychologie eine Rolle spielt, aber auch im Drama.
Während ich also so hinter dem laut dröhnenden Vertikutierer hergehe, der eine Spur ausgerupften Mooses hinterlässt, denke ich an all das, was meine Entwicklung, mein Wachstum, meine Entfaltung hemmt und verstopft. (Solche Gedanken sind nichts, was ich etwa beabsichtige oder plane – ehrlich nicht –  sondern bei der Gartenarbeit stellen sie sichirgendwie ganz automatisch ein.)
Ich glaube, eine Sache, die mich verstopft und oft meine Entfaltung und Entwicklung hindert ist, dass ich zu viel rede – oder gar zerrede. Oft gar nicht laut und für andere hörbar – das auch, aber nicht immer – sondern permanent in meinem Inneren. Einfach so vor mich hin oder imaginär im Dialog mit anderen. Ich möchte für alles eine Erklärung, möchte Hintergründe wissen, Prognosen abgeben können, möchte als selbstverständlich Betrachtetes hinterfragen, möchte für Vieles Alternativen – statt manchmal auch einfach den Mund zu halten und abzuwarten.
Oft merke ich selbst, wie mich das an die Vergangenheit fesselt oder ich mich gedanklich in der Zukunft tummele, die ich doch gar nicht kenne, und wie dadurch verhindert wird, dass ich mich an der einzigen Stelle aufhalte, auf die ich Einfluss nehmen kann – den Moment jetzt.
In meiner noch nördlicheren Heimat gibt es das Wort Sabbeln. Damit ist viel Reden mit wenig Substanz gemeint. „Sabbel nicht“, heißt es da manchmal nordisch kurz und prägnant als Aufforderung, bitte jetzt das Gerede einzustellen.
Das entsprechende Substantiv heißt „Gesabbel“.
Gesabbel ist – um im Bild zu bleiben – praktisch mein Moos, das mich als Rasen am Wachstum hindert.
Es ist Masse mit viel (heißer) Luft dazwischen, so wie beim Moos, das ich aus dem Rasen vertikutiere. Nachdem ich es zusammengeharkt habe, staune ich, wie wenig übrigbleibt, wenn ich es in Säcke stopfe und zusammendrücke.
Wenn ich es tatsächlich mal wage, im Moment zu sein, den Mund zu halten und nicht mit Tausend Anmerkungen, Fragen, Mutmaßungen, Interpretationen oder Vorahnungen zu kommen, dann fühlt sich das erst oft gar nicht so gut an, weil ich so nicht mehr das Gefühl von Kontrolle habe, aber letztlich ist es genau das, was mich weiterbringt. Mich einzulassen auf das, was gerade ist.

Das alles geht mir durch den Kopf, während der Beste die Gartenabfälle zum Kompostieren bringt und ich hinter dem röhrenden Vertikutierer hergehe.
Als der Beste wiederkommt und ich von der kathartischen Wirkung von Gartenarbeit anfange, lacht er.
Er kennt seine Pappenheimerin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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