Warten

                                                            Foto: Dua Chuot

Es ist Anfang Februar. Ich gehe zügig meine fast tägliche Strecke durchs Feld, auf der ich frische Luft tanke, meinen Gedanken freien Lauf lasse und meine Umgebung und mein Inneres betrachte.
Der Februar hat es in sich, finde ich. Letzte Woche war es hier eisig und nass und windig. Die Tage werden zwar merklich länger, und hin und wieder war auch ein zaghaftes Vogelzwitschern zu hören, aber ansonsten – Winterruhe.
Heute nun scheint auf meinem Spaziergang die Sonne. Sie wärmt schon richtig, und das frühlingshafte Vogelgezwitscher ist nicht zu überhören.
Wieder zu Hause angekommen, setzte ich mich auf die Bank vor dem Haus und beobachte im Walnussbaum gegenüber ein Eichhörnchen, das wie wild darin herumtollt. Herrlich!
Narzissen, Tulpen, Hyazinthen und Anemonen stecken schon die Blattspitzen aus dem Boden.
Frühling!!
Aber NEIN – es ist ja Februar. Und der Februar lehrt das Warten und Geduld. Es wird wahrscheinlich noch wieder richtig kalt – nächste Woche schon.
Warten und Geduld sind so gar nicht meine Tugenden. Aber beim näheren Nachdenken stelle ich fest, dass es so unterschiedliche Arten des Wartens und der damit verbundenen Gefühle gibt.
Es gibt schlimmes Warten. Mein schlimmstes Warten war das zwischen der Krebsdiagnose und der Operation. Es war ein Warten, das mit Verzweiflung, Angst und einer schlimmen inneren Finsternis verbunden war. Nie habe ich mich so allein gefühlt, obwohl meine Liebsten wirklich wunderbar waren und mir gezeigt haben, dass sie da waren und mich liebhaben. Es war aber auch ein Warten, in dem ich wie nie zuvor und auch danach nicht mehr gespürt habe, dass Gott mich kennt und hält.
Es gibt auch schönes Warten. Mein schönstes Warten waren meine Schwangerschaften. Ein Warten, an dessen Ende Schmerzen, aber auch dieses Wunder eines neuen Lebens standen. Es war ein Warten, das bei mir auch bange Momente hatte, mit viel Unsicherheit verbunden war, aber sich jedes Mal so, so, so gelohnt hat.
Ich habe auch schon Warten erlebt, das schlimm war, gleichzeitig aber auch etwas Erlösendes hatte.
Als sich herausstellte, dass mein Vater krank war und seine verbleibende Lebenszeit begrenzt, war das auch der Beginn eines Wartens, aber weil er einverstanden war mit dem, was da mit ihm geschah, war in der verbleibenden „Wartezeit“ noch so viel Gutes und Versöhnliches zwischen ihm und mir möglich, wie ich es mir nie hätte träumen lassen.
Es gibt ganz praktisch verursachte Wartezeiten – zum Beispiel auf Zug-, Flug- oder Busanschlüsse.
Wir warten auf Sachen, die wir im Internet bestellt haben, warten beim Arzt im Wartezimmer an der Kasse im Supermarkt etc.
Warten wird heute immer mehr als Zumutung empfunden. Die meisten jungen Leute hassen es zu warten. Vielleicht, weil wir im Grund so gut wie alles sofort bekommen können.
Wir sind es einfach nicht mehr gewohnt zu warten.
Wie gesagt, Geduld ist nicht meine Stärke, aber ich kann dem Warten auch zunehmend etwas abgewinnen.
Früher (und auch heute noch manchmal) habe ich auf Kritik oder Anfragen impulsiv – also sofort – geantwortet und bin dabei so oft in Fettnäpfchen (und Näpfe!!) getreten, dass ich es gar nicht zählen kann. Am Ende war ich nicht selten beschämt.
Hier merke ich, dass Warten vieles abmildert und sortiert, und dass sich durch Warten die Angelegenheit oft sogar von selbst erledigt.
Wenn ich auf einen Zug oder ein anderes Verkehrsmittel warte, beobachte ich gern Menschen, oder ich hänge meinen Gedanken nach. Nicht selten habe ich dabei schon gute Ideen gehabt.
Wenn im Frühling die Gartenzeit beginnt, möchte ich am liebsten alles so früh wie möglich aussäen oder -pflanzen – aber das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht, und ob man Kartoffeln im März oder im Mai pflanzt, macht eigentlich keinen Unterschied- sie sind etwa zur gleichen Zeit erntereif.
Warten ist ein Helfer in der Entschleunigung. Wenn ich warte, komme ich zu mir, kann mich sortieren.
Ich finde, dass Warten ganz und gar nichts Nutzloses und auch nichts Passives ist, sondern es kann etwas sehr Aktives und Kreatives sein.
Nicht immer, aber immer öfter warte ich eigentlich ganz gerne, weil es mit Pausen verschafft.
Der Februar mit seinen trügerischen Frühlingsvorboten ist für mich ein Symbol dafür.
Ich freue mich auf den Frühling, aber auch auf die Zeit bis er da ist.

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