Wissen ist (oft) Nacht

Mir geht es wahrscheinlich wie vielen: Ich kann die Nachrichten über Natur- und Hungerkatastrophen, Gewalt, Unfälle, zwischenmenschliche Gräueltaten, Kriege oft nicht mehr aushalten, und stelle mir immer häufiger die Frage, wieviel Information ich eigentlich brauche.
Ich empfinde es als wichtig zu wissen, dass antisemitische Äußerungen und Demonstrationen drastisch zunehmen, und wenn ich dann erfahre, dass in Berlin ein Jugendlicher verprügelt wird, weil er eine Kippa trägt, dann wird diese gesellschaftliche Entwicklung dadurch ebenso erschreckend wie eindringlich anschaulich.
Wenn ich die unterschiedlichen Online-Nachrichtendienste der großen Zeitungen und Zeitschriften lese und jeden Tag mindestens eine – oft auch mehr – Meldungen über Angriffe mit Messern oder andere körperliche Übergriffe lese, von denen aber auch so manche widerrufen oder relativiert wird, dann erkenne ich möglicherweise, dass offenbar die Gewaltbereitschaft wächst und Konflikte oft rascher mit Fäusten und Messern ausgetragen werden als mit Worten. Das könnte bei mir vielleicht bewirken, aufmerksamer zu sein meiner Umwelt gegenüber und mir Gedanken darüber zu machen, was ich tun würde, wenn ich Zeuge oder Opfer eines solchen Übergriffes würde – auch das könnte vielleicht wichtig sein.
Wenn ich aber – auch in meiner seriösen Tageszeitung – detaillierte Beschreibungen lese, wie ein Missbraucher einen kleinen Jungen missbraucht hat, oder jemand diverse Male Geschlechtsverkehr mit seiner dreizehnjährigen Großnichte hatte oder in allen Einzelheiten die Verletzungen eines Unfallopfers im indischen Bundesstaat XY geschildert werden, dann führt mich das nirgends hin, außer in die Verzweiflung.
Wieso muss am Ende der Tagesschau noch der schwere Unfall im chinesischen XX erwähnt werden, bei dem es zehn Todesopfer gab?
Wieso gibt es von fast all diesen Ereignissen auch Fotos, sodass sich die Information einbrennt und richtig lange hält?
Ich glaube das ist so, weil die Leute hinschauen – wir sind als Menschen leider so. Es ist dieses Phänomen, bei einem Unfall nicht wegschauen zu können. Das beschert den Medien viele Leser/Zuschauer und hohe Werbeeinnahmen.
Wenn ich Menschen aus meinem Umfeld frage, wie sie damit umgehen, empfinden es fast alle so wie ich: Wir bekommen viel zu viele negative Informationen, die kein Mensch braucht, und diese Informationen bewirken absolut nichts Positives, sondern ziehen uns nur herunter.
Manchmal ist Wissen eben nicht Macht, sondern Nacht.
Wir haben ein Recht auf Information, und das ist auch gut so. Die freie Presse ist ein hohes Gut,aber genauso haben wir auch ein Recht auf Informationsverzicht, und ich habe den Eindruck, dass die Bedeutung dieses Rechtes gerade wächst.
Ich will nicht Ignoranz und Verdrängung das Wort reden, sondern zu einem gesunden Selbstschutz ermutigen, damit wir nicht abstumpfen und gleichgültig werden.

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